Overtourism in den Bergen: Ursachen, Folgen und ein Aufruf zu weniger Egoismus

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Einen wahren Hype haben in den vergangenen Jahren die Berge ausgelöst, sodass sich manch ein Ort kaum noch vor dem Ansturm von Urlaubern und Bergsportlern retten kann. Ein Phänomen, das sich Overtourism nennt und längst über den Massentourismus hinausgeht. In diesem Beitrag beschäftige ich mich näher mit den Ursachen. Außerdem verrate ich dir, welche Probleme mit dem Übertourismus einhergehen und versuche mich an ein paar Lösungsansätzen für mehr Nachhaltigkeit in den Bergen. 

Steht das Buch “1000 Places to See Before You Die” in deinem Bücherregal? Ziehst du bei Roadtrips mit deinem Van, Bergtouren und sonstigen Reisen an beeindruckende Orte zuerst das Smartphone aus der Hosentasche, bevor du den Moment in dich aufsaugst? Bist du gerne dort, wo andere längst gewesen sind, nur um sagen zu können: “Dort war ich auch schon einmal”? Glückwunsch, du bist ein ganz normaler Mensch – ein echtes “Herdentier”.

Wir haben die Angewohnheit spannende Erlebnisse und abenteuerliche Reisen nachzuahmen und teilen unsere Eindrücke und Fotos, die lange zuvor mehrfach geteilt und erzählt wurden. Orte werden zu wahren Pilgerstätten, Naturparadiese mutieren zu lukrativen Erlebnisparks, die Umwelt verliert an Halt, Tiere flüchten aus ihrem gewöhnlichen Lebensraum und die nach oben gewölbten Mundwinkel der Einheimischen ziehen sich vermehrt nach unten.

Was ist Overtourism eigentlich?

Das Reisen, kurze Auszeiten vom stressigen Alltag und das Entdecken beeindruckender Orte liegen in unserer Natur. Der Egoismus, nicht nachhaltig zu denken, leider auch. Daher können viele wunderschöne Orte in dieser Welt dem Ansturm von Touristen, Erholungssuchenden und Sportlern nicht mehr Stand halten. Die Folge: Overtourism.

Ein Begriff, der übersetzt “Übertourismus” bedeutet, hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Overtourism tritt ein, sobald sich zu viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt am gleichen Ort versammeln. Das “Überrennen eines Ortes” trifft es hier als Definition ebenso gut wie die Verwendung von Overtourism als Superlativ von Tourismus.

Ich gebe zu, dass ich auf meinen Reisen viele dieser überrannten Orte angesteuert habe. Zum Beispiel musste ich, nachdem ich den Film “The Beach” mit Leonardo di Caprio geschaut habe, unbedingt Maya Bay in Thailand besuchen. Einige Jahre später trank ich einen völlig überteuerten Cocktail in der “Hangover”-Sky Bar in Bangkok. Auch Tanah Lot auf Bali wollte ich mir ebenso wenig entgehen lassen, wie den Stadtbummel durch die Altstadt von Dubrovnik. Bezaubernde Orte, die chronisch überfüllt sind.

Beispiele für Overtourism in den Bergen

Schon lange hat der Overtourism die Berge, vor allem die Alpen, erreicht. Der Ruf nach Freiheit ist groß, weshalb mir bei einer Besteigung der Zugspitze vor knapp drei Jahren ein kalter Schauer über den Rücken lief, als ich verschwitzt am Münchner Haus ankam und ich vor dem Gipfelkreuz eine lange Menschenschlange erspähte. Teil einer eintägigen Skitour ins 500 Kilometer entfernte Samnaun, wo sich hunderte Skibegeisterte für ein paar Stunden zum Skifahren trafen, um kurz darauf wieder nach Hause zu fahren, schloss ich mich ebenfalls einmal an. Ach ja, am Influencer-Hotspot Pragser Wildsee war ich selbstverständlich auch schon – und natürlich habe ich das gleiche Foto wie jeder andere geschossen.

Vor allem in den Bergen ist der Übertourismus zu einem großen Problem geworden, selbst in eigentlich entlegenen Regionen. Weltweit prominente Beispiele für Overtourism sind der Macchu Pichu in Peru, der Kilimandscharo in Tansania und der Mount Everest im Himalaya. Von Letztgenanntem kennst du sicherlich die Bilder mit den langen Warteschlangen kurz vor dem Gipfel. Dass das Warten in der sogenannten “Todeszone” lebensgefährlich ist, scheint viele nicht zu stören.

Der Macchu Pichu war einst eines meiner Traumziele. Die Besonderheit ging aufgrund des Überrennens jedoch etwas verloren – zu viele Menschen zur gleichen Zeit an einem Ort. Dass ich als Globetrotter und Outdoorblogger eine gewisse Mitschuld an solchen Entwicklungen habe, ist mir bewusst. Vielleicht ist es mir deshalb wichtig, diesen Beitrag über Overtourism in den Bergen zu schreiben, um Aufklärung zu unserem nicht sehr nachhaltigen Reiseverhalten zu betreiben und mich intensiver mit den Ursachen und Folgen zu befassen.

Das sind die Ursachen für Übertourismus

Für den Overtourism in den Bergen und natürlich auch im Allgemeinen gibt es eine ganze Reihe von Ursachen. Fünf davon stelle ich dir im Folgenden etwas genauer vor.

Internet – Social Media, Blogs & Co.

Das Internet macht Lust auf abenteuerliche Reisen und sorgt durch ansprechende Texte und Bilder für eine gehörige Portion Sehnsucht nach bestimmten Orten. Dass die Inhalte nicht immer der Wahrheit entsprechen und Reisefotos mit einem Filter zur Verschönerung des Bildes hinterlegt sind spielt dabei kaum eine Rolle. Falsche Tatsachen steigern oftmals die Lust, sodass ein kleiner Ausschnitt des Pragser Wildsees in Südtirol ein Gefühl von Freiheit und Ruhe vermittelt. Dass im Hintergrund eine große Hotelanlage steht und sich viele Autofahrer um einen der letzten Parkplätze streiten, ist irrelevant.

Beim Veröffentlichen von Inhalten im Internet geht es meist um die Anzahl der Likes und Klicks. Selbstinszenierung und beeindruckende Fotos stehen im Vordergrund. Werden diese im Text mit Beschreibungen wie “paradiesisch” und “traumhaft” unterlegt, entstehen Sehnsuchtsorte. Beim Konsumenten nistet sich der “Dort muss ich unbedingt hin”-Gedanke ein, sodass sich abermals unentdeckte Orte schnell von einem Geheimtipp zu überlaufenen Zielen entwickeln.

Sport-Hype in den Bergen

Höher, schneller, weiter – Outdoorsport ist beliebter denn je und bringt regelmäßig neue Abwandlungen etablierter Sportarten zum Vorschein. Anstatt Skipisten nur noch runterzufahren, werden bei Skitouren Berge auf Ski erklommen, Mountainbiker lassen sich mit der Gondel auf den Gipfel fahren, um anschließend waghalsig ins Tal zu sausen und die Laufrunden auf der Tartanbahn abzuspulen reicht nicht mehr aus – Trailrunning in den Bergen ist der neueste Hit.

Bergsport boomt, was für einen zunehmenden Tourismus sorgt. Mit neuen Trails, einer steigenden Anzahl an teils kuriosen Sportevents und einem Überangebot an sportlichen Aktivitäten werden Sportler in die Berge gelockt. Der Drang raus zu gehen und neue sportliche Höchstleistungen zu erreichen, ist einfach zu groß. Was eine Wohltat für den eigenen Körper ist, hat für die Natur, die dem Überangebot trotzen muss, nur wenig positive Aspekte.

Tourismus außer Rand und Band

Durch das große Angebot an Unterkünften, das schnelle Buchen im Internet sowie die vielen Möglichkeiten von A nach B zu kommen, ist das Reisen sehr einfach geworden. Nicht nur das, es ist durch ein Überangebot an Airlines, die kleine Flughäfen anfliegen, auch günstiger geworden. Für einen Norddeutschen ist es daher kein großer zeitlicher und monetärer Aufwand, ein paar Tage Urlaub in den Alpen zu machen. Russen, Araber und Chinesen machen es sich zudem regelmäßig in Ischgl, Zell am See oder Hallstadt gemütlich. Die tausende von Kilometern lange Anreise ist zu einem bezahlbaren Luxus geworden.

Laut statista gab es im Jahr 2019 mehr als 1,46 Milliarden grenzüberschreitende Reiseankünfte weltweit. Knapp fünfzig Jahre zuvor belief sich die Zahl lediglich auf 25 Millionen. Eine Entwicklung, über die sich die Tourismusbranche gewiss nicht beklagen wird. Für einige Hotspots ist dieses Wachstum jedoch eine Zumutung, insbesondere in Verbindung mit dem steigenden Angebot an privaten und gewerblichen Unterkünften sowie Billig-Airlines.

Verherrlichung und Auszeichnung einzelner Orte

Für viele Destinationen gleicht es einem Ritterschlag eine Auszeichnung, wie zum Beispiel das UNESCO Welterbe, zu erhalten oder gar Drehort für einen bekannten Blockbuster zu sein. Das sorgt nicht nur für mehr Bekanntheit, sondern spült auch Geld in die Kasse der jeweiligen Region.

Die Dolomiten in Südtirol, der Geirangerfjord in Norwegen oder Hallstadt in Österreich sind drei Beispiele, die als Welterbe bestimmt wurden. Für den Tourismus ein Segen, für die Einheimischen aufgrund des Übertourismus oftmals ein Fluch.

Weitaus brisanter verhält es sich mit bekannten Filmschauplätzen. James Bond war beispielsweise bei “Spectre” in Sölden zu Gast, was sich unter anderem mit dem surreal wirkenden Restaurant am Gaislachkogel recht gut vermarkten lässt. Was aber denken Einheimische darüber? Und: Freuen sich die Anwohner des kroatischen Krka- und Paklenica-Nationalparks über Winnetou-Fans oder empfangen die Bewohner unterhalb des Wilden Kaisers Anhänger vom Bergdoktor stets mit offenen Armen?

Corona und der (neue) Ruf nach Freiheit

Auch die Corona-Pandemie trägt ihren Teil zum Overtourism in den Bergen bei, wie sich in den vergangenen Monaten herausgestellt hat. So scheint es uns Deutschen weitaus wichtiger zu sein, nicht auf (Kurz-) Urlaube verzichten zu müssen als brav eine Pandemie auszusitzen. In einigen Punkten nachvollziehbar, aber muss der Ruf nach Freiheit dadurch befriedigt werden, ins Auto zu steigen und Hunderte von Kilometern zu fahren, um einen ganz bestimmten Ort zu erreichen?

Durch diverse Reisebeschränkungen und ausgefallene Fernreisen haben innerdeutsche Reiseziele an Bedeutung gewonnen. Am meisten betroffen sind die Strände der Nordsee und Ostsee sowie die Mittel- und Hochgebirge. Letztere sind in ihrem Ausmaß jedoch nicht mit unseren Nachbarn aus der Schweiz sowie Österreich vergleichbar, sodass sich weitaus mehr Menschen auf einem engeren Raum tummeln. In den betroffenen Regionen spielt die neue Lust auf die Berge einige weniger große Rolle, in den anliegenden Orten und unter den Einheimischen sorgt sie dagegen für große Aufregung, worauf ich später noch eingehen werde.

Fakt ist, dass die Lust auf die Berge durch die Pandemie enorm gestiegen ist. Vielleicht wurde die Tatsache, welch schöne Berglandschaften es bei uns gibt, aufgrund spannender Fernreisen in der Vergangenheit ignoriert. Seit Corona ist das Gegenteil der Fall, denn nicht nur im Voralpenland ist der Andrang sehr groß – auch Mittelgebirge wie der Schwarzwald, die Rhön oder der Harz haben aufgrund der Reisebeschränkungen mit ersten Anzeichen von Overtourism in den Bergen zu kämpfen.

Welche Probleme bringt der Übertourismus in den Bergen mit sich?

Aus den oben genannten Ursachen für Overtourism hast du sicherlich das ein oder andere Problem ableiten können, das der Übertourismus nach sich zieht. So zumindest erging es mir, während ich fleißig Ideen für diesen Beitrag sammelte. Heraus kamen vier gravierende Probleme, die das Überrennen der Berge zur Folge hat. Welche das sind, verrate ich dir in diesem Abschnitt:

Überforderung der Tourismusbranche

“It´s not about the places you go. It´s about the people you go with.”

Ich mag dieses Zitat. Es verdeutlicht, wie wichtig einzelne Begleiter beim Reisen sind und welche Bedeutung sie für die positive Wahrnehmung eines Ortes haben. In Bezug auf den Overtourism bekommt das Zitat eine völlig neue Bedeutung, denn es sind auch die Menschen, die die Magie eines Ortes verblassen lassen können. Zum Beispiel, wenn es wie beim Overtourism zu viele sind. Der Ort kann dann noch so schön sein, die Wahrnehmung wird eine andere sein.

Gemeinden, Städte, Tourismusverbände und die Politik stehen daher in der Verantwortung die Magie eines Ortes zu wahren. Wie aber gelingt dies und wer ist für die Umsetzung von Maßnahmen für eine Einschränkung des Übertourismus zuständig? Oder wollen Destinationen eine Einschränkung erst gar nicht, weil sie zum Beispiel einer saisonalen Abhängigkeit ausgeliefert sind, deren Verluste sie in den weniger frequentierten Zeiten durch die touristischen Hochzeiten ausgleichen können?

Ein schmaler Grat, schließlich sind die Alpen und Mittelgebirge abhängig von Touristen und Tagesgästen. Bleiben diese aus, fehlen wichtige Umsätze und Arbeitsplätze gehen verloren. Andererseits bleibt dadurch die Magie eines Ortes erhalten. Ein Beispiel hierfür sind die Sherpas in Nepal, die auf Touristen aus aller Welt angewiesen sind. Gibt es keine attraktiven Flugpreise und bleiben Touristen aus, fehlt den Sherpas mit den Einnahmen eine wichtige Lebensgrundlage.

Die Leiden der Umwelt und Natur

Insbesondere beim Overtourism in den Bergen wird die Natur schwer in Mitleidenschaft gezogen. Durch lange Anreisen, egal ob mit dem Auto, Flugzeug oder an manch einen Ort sogar mit dem Kreuzfahrtschiff, steigt der CO2-Ausstoß erheblich. Das hat wiederum Umweltschäden und eine steigende Erderwärmung zur Folge. Die verheerenden Ausmaße wurden mir beispielsweise bei einer Hüttentour im Pitztal bewusst, wo auf einem Gletscherehrpfad ausgeschildert war, wie stark der Taschachferner in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen ist.

Die Tierwelt leidet ebenfalls stark unter dem steigenden Tourismus in den Bergen, da wir Menschen es uns erlauben immer mehr Platz für uns zu beanspruchen. Der Verlust und die Zerstörung des natürlichen Lebensraums der Tiere führt folglich zu einem Artensterben, das nur schwer wieder rückgängig gemacht werden kann. Gleiches trifft auf die Pflanzenwelt zu.

Viele Bergsportler neigen dazu ihre Abenteuerlust durch Touren abseits ausgeschilderter Wege zu befriedigen. Dadurch werden Tiere vertrieben und die Natur belastet, nur um die eigene Lust auf eine spannende Skitour, einen einzigartigen Trailrun oder das Klettern an einem Felsen, fernab der Zivilisation, zu stillen.

Die Herausforderungen der Einheimischen

Nicht nur die heimische Tierwelt leidet am Overtourism in den Bergen. Auch die Einwohner haben oftmals mit den Folgen zu kämpfen. Hier ein paar Beispiele:

  • Verkehrsbehinderungen durch An- und Abreise, zahlreiche Staus und volle Parkplätze
  • Umweltbelastungen durch Feinstaub, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben
  • Verminderung der Lebensqualität durch steigenden Lärm, Müll und ein erhöhtes Verkehrsaufkommen
  • überfüllte und kostenpflichtige Naherholungsgebiete sowie Freizeiteinrichtungen, die auf Touristen ausgelegt sind
  • steigende Mieten, da Wohnungen in private Unterkünfte umfunktioniert werden, wodurch Vermieter höhere Einnahmen generieren, das Angebot für Einheimische dagegen sinkt

Orte, wie zum Beispiel Walchensee, Garmisch-Partenkirchen oder Schönau am Königssee sind nur drei Beispiele, die genau mit solchen Problemen zu kämpfen haben. Der Tourismus zieht zwar einen finanziellen Vorteil aus den Menschenansammlungen – aber ist es das Geld wert, wenn die Einheimischen, die Tier- und Pflanzenwelt sowie die Natur darunter in Mitleidenschaft gezogen werden?

Die Gefahren für dich als Reisenden

Overtourism birgt nicht nur Gefahren für die Umwelt, die Tier- und Pflanzenwelt, die Landschaft, die Tourismusbranche und die Einheimischen, sondern auch für dich selbst. Zumindest, sofern du einer der Touristen bist, die mit ihrem “einzigartigen” Foto ganz besonders herausstechen wollen. Kein einfaches Unterfangen, ist an beliebten Touri-Hotspots sowieso schon jeder Grashalm abfotografiert worden.

Manch einer will sich nicht so recht damit abfinden und begibt sich auf der Suche nach dem perfekten Motiv in eine nicht ganz ungefährliche Lage. Im Hochland von Sri Lanka traute ich meinen Augen nicht, als ich auf der Mauer der Ella Bridge junge Frauen posieren sah, um das ideale Urlaubsfoto mit nach Hause zu nehmen. Ein Ausrutscher in ihren nicht gerade sportlichen Schuhen und das Foto wäre gewiss das letzte gewesen.

Vielleicht ist es die Sucht nach Aufmerksamkeit, die viele dazu treibt, sich in Gefahr zu begeben. Das Posieren an steilen Abhängen und Sprünge von Wasserfällen gehören ebenso zur Tagesordnung wie anspruchsvolle Bergtouren auf die höchsten Gipfel. Viele Laien lassen sich durch die Posts in den sozialen Medien von ambitionierten Bergsportlern zum Nachmachen verleiten und überschätzen dabei oftmals ihre Fähigkeiten. Ausbaden müssen dies oftmals die Bergretter, die in Situationen gebracht werden, die sie gerne vermieden hätten.

Overtourism vermeiden – die Lösungsansätze

Natürlich möchte ich nicht nur auf den naiven Lemmingen rumhacken, die wie Schwärme in die beliebtesten Orte dieser Welt pilgern, sich dort ohne jegliches Verantwortungsbewusstsein eine gute Zeit gönnen und wieder abschwirren. Das steht mir nicht zu, zumal ich des Öfteren einer dieser Reisenden war.

Es war mir jedoch wichtig, dir zu verdeutlichen, dass der Übertourismus den Bergen übel mitspielt. Aber ich möchte diesen Blogbeitrag nicht abschließen ohne dir ein paar sinnvolle Lösungsansätze aufgezeigt zu haben. Vielleicht gerade deshalb, um meine bisherigen Fehltritte wieder gut zu machen.

Nachhaltiger Reisen

Bei gutem Wetter und tollen Wintersportbedingungen haben viele Orte im Alpenraum und den deutschen Mittelgebirgen große Probleme, den Andrang von Tagestouristen zu stemmen. Vor allem der Verkehr macht den Einheimischen schwer zu schaffen, sodass sie nicht selten lange Staus, viel Lärm, ungesunde Abgase und eine unüberschaubare Parkplatzsituation über sich ergehen lassen müssen.

Die Lösung für dieses Problem klingt ebenso einleuchtend wie einfach: Der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Das deutsche Bahnnetz ist sehr gut aufgebaut und gibt es mal kein Streckennetz gleichen Busverbindungen diesen Missstand aus.

Solltest du bei der Anreise nicht auf deinen Pkw verzichten wollen, aus welchen Gründen auch immer, biete deine Fahrt bei der Mitfahrzentrale an. Dadurch teilst du dir die Spritkosten nicht nur mit deinem Mitfahrer, sondern sorgst für mindestens einen weiteren freien Parkplatz. Vielleicht bekommst du auf der Fahrt sogar hilfreiche Tipps für deinen Trip oder dein Reisegefährte macht bei einer deiner Touren mit.

Verantwortungsbewusster Umgang im Internet

Der Umgang im Internet hat große Auswirkungen auf den Overtourism. Daher ist es wichtig, Inhalte ehrlich zu kommunizieren und keine Fake-News zu produzieren. Wie sieht es vor Ort tatsächlich aus? Ist der jeweilige Ort wirklich ein Geheimtipp oder längst überrannt?

Bilder vom Pragser Wildsee beispielsweise vermitteln oftmals die pure Idylle. Dass einen Steinwurf entfernt jedoch eine riesige Hotelanlage hochgezogen wurde, der Parkplatz im Hintergrund überquillt und du vorher zwanzig Minuten warten musstest, um keine ungewollten Touristen vor die Linse zu bekommen, ist nebensächlich.

Sei beim Veröffentlichen von Inhalten authentisch und transparent. Schildere sowohl die positiven als auch die negativen Seiten, die du vor Ort erlebst. Deine Leser und Follower werden es dir danken. Spätestens dann, wenn sie erkennen, dass manch ein Influencer oder Blogger die jeweilige Situation zu blumig dargestellt hat, um die Likes und Seitenzugriffe nach oben zu treiben.

Und noch etwas: Musst du jeden Geheimtipp sofort verbloggen oder einen Post dazu in den sozialen Netzwerken veröffentlichen? Oder wäre es nicht auch mal schön, einen Ort zu genießen und irgendwann dahin zurückzukehren, ohne vorher die Werbetrommel dafür gerührt zu haben? Ein ganz eigener geheimer Sehnsuchtsort sozusagen.

Touristische Maßnahmen vor Ort

Gewissenhafte Tourismusverbände und Politiker, die nicht die Dollarzeichen in den Augen haben, sondern nachhaltig denken, sind sich den Folgen des Übertourismus bewusst. Sie fokussieren sich darauf die Natur zu erhalten, die Interessen der Einheimischen zu wahren und auf die Problematik, die der Overtourism in den Bergen mit sich bringt, publik zu machen.

Eine Zauberformel, um dem Massentourismus zu entgehen, gibt es nicht. Allerdings habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, durch welche Maßnahmen Touristen sensibilisiert werden könnten.

Touristen umlenken

Eine Idee ist es, den Touristen weitere Orte in der näheren Umgebung schmackhaft zu machen, indem diese beworben oder gar neue Highlights geschaffen werden. Die Region in den Vordergrund stellen anstatt den Fokus auf einzelne Hotspots zu legen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die niederländische Hauptstadt Amsterdam, deren Verantwortliche Zandvoort und Bloemdaal zum “Amsterdam Beach” auserkoren haben. Die Folge: Die beiden Küstenorte gewinnen an Aufmerksamkeit und die Innenstadt Amsterdams wird aufgrund neuer Attraktionen außerhalb des Stadtgebiets entlastet.

Autofreie Sonntage

Die autofreien Sonntage sind ein Konstrukt aus der Vergangenheit. Das Ziel ist es für ein geringeres Verkehrsaufkommen zu sorgen, den Einheimischen zumindest einen erholsamen Tag pro Woche zurückzugeben und Kurzurlauber dazu zu verleiten, aus einem Wochenend-Kurztrip ein verlängertes Wochenende zu machen.

An- und Abreisen könnten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgen, sodass ein Bewusstsein für die nachhaltigere Form der Fortbewegung entsteht. Langfristig könnten dadurch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Saas-Fee in der Schweiz. Der beliebte Wintersportort ist komplett autofrei, sodass nur die Parkplätze am Ortsrand genutzt werden können. Um in den Ortskern zu gelangen, gibt es Elektrotaxis.

Nachhaltigkeitssteuer auferlegen

Eine zusätzliche Nachhaltigkeitssteuer, die Touristen pro Aufenthaltstag berechnet wird, hält wahrscheinlich kaum jemanden vom Reisen und dem Besuch beliebter Tagesziele ab. Dennoch könnte das dadurch generierte Geld für nachhaltige Projekte eingesetzt werden, welche der Region zugutekommen. Zu vergleichen wäre die Steuer mit der CO2-Kompensation, die es bereits bei einigen Flügen und Bahnfahrten gibt.

Aufklärung betreiben

Regionen, die mit Overtourism zu kämpfen haben, sollten dies öffentlich kommunizieren. Nicht in einer Weise, in der Touristen abgeschreckt werden, sondern sie vielmehr für die Probleme vor Ort sensibilisiert werden. Es gilt Aufklärung zu betreiben, warum es beispielsweise wichtig ist, ausgezeichnete Wege nicht zu verlassen, eigenen Müll mitzunehmen, sein Auto nicht einfach irgendwo abzustellen oder einfach mal zu Hause zu bleiben.

Lehrpfade, die auf die Folgen des Overtourism, zum Beispiel die Zerstörung der Lebensräume für Tiere hinweisen, sind ein gutes Mittel, um das Verantwortungsbewusstsein von Bergreisenden und -sportlern zu steigern. Es gilt, potenzielle Besucher nicht erst vor Ort auf Missstände hinzuweisen, sondern dies vorab auf den jeweiligen Websites und in den Infobroschüren zu tun. Klar aufgezeigt werden sollte, welche Maßnahmen ergriffen werden und wie Gäste unterstützen können.

Hotspots beschränken/schließen

Wie heißt es doch so schön: “Wer nicht hören will, muss fühlen.” Ok, ich gebe zu, dass die Maßnahme Orte zu schließen, die vom Overtourism betroffen sind, etwas hart, manchmal aber auch unumgänglich ist. Ein Beispiel hierfür ist Maya Bay in Thailand – ein wahres Paradies und der Drehort des Kinohits “The Beach”. Innerhalb weniger Jahre war der Andrang biertrinkender Backpacker so groß, sodass die ausschließlich Tagesgästen zugängliche Bucht temporär geschlossen wurde.

Ganz so weit muss es nicht kommen, allerdings wäre es eine Überlegung wert, die Bettenzahl in stark frequentierten Orten zu begrenzen, um den Überblick zu behalten. Einerseits würde sich dadurch die Zahl der Touristen reduzieren, andererseits würde Einheimischen wieder mehr und vor allem günstigerer Wohnraum zur Verfügung stehen.

Eigeninitiative und Verständnis zeigen

Die Politik sowie hiesigen Tourismusbehörden zur alleinigen Verantwortung für Overtourism zu ziehen, wäre etwas übertrieben. Letztendlich ist es der Reisende selbst, der sich an die eigene Nase packen sollte, was das Reiseverhalten betrifft. So solltest du vor einem Trip in die Berge recherchieren, wie es vor Ort tatsächlich aussieht. Frage beispielsweise bei deiner Unterkunft oder der Tourist-Info nach, bevor du dich von tollen Instagram-Fotos blenden lässt.

Kannst du auf einen ganz bestimmten Ort nicht verzichten, wähle als Zeitraum die Nebensaison. Vielleicht macht dir das Wetter bei Tagestouren einen Strich durch die Rechnung, aber immer noch besser als in einer Schlange vor dem Gipfelkreuz anstehen zu müssen, oder?

Machen sich erste Anzeichen breit, dass ein Ort völlig überrannt ist, sei flexibel und suche dir ein neues Ziel in der näheren Umgebung. Hier fällt mir spontan ein Besuch auf dem Corcovado in Rio de Janeiro ein, auf dem die berühmte Christus-Statue steht. Anstatt drei Stunden in der Schlange zu stehen, um den Cristo Redentor aus nächster Nähe zu bestaunen, begab ich mich mit zwei Freunden zum Aussichtspunkt Mirante Dona Marta etwas unterhalb. Hier war kaum ein Mensch und der Blick auf Rio von oben sowie die Christusstatue von unten hätte besser nicht sein können.

Ansonsten solltest du bei deinen Reisen darauf achten, deinen verursachten Müll mitzunehmen, nur ausgeschilderte Routen zu gehen und die lokalen Anbieter anstatt große Konzerne zu unterstützen. Vor allem diese sind es, die durch ihre Medienwirksamkeit massenhaft Menschen antrommeln. Das Thema Nachhaltigkeit spielt für sie eher eine untergeordnete Rolle.

Ein Plädoyer für weniger Egoismus in den Bergen

Mir war es wichtig, mich in diesem Blogbeitrag intensiv mit dem Overtourism in den Bergen auseinanderzusetzen. Nicht nur, weil ich zahlreiche Hotspots auf dieser Welt aus purem – nennen wir es mal – Egoismus aufgesucht habe, sondern auch, weil ich durch meinen Outdoorblog seit nunmehr dreizehn Jahren verschiedene Touren und Sehenswürdigkeiten anpreise, die jeder mal gemacht beziehungsweise besucht haben sollte.

Ich bekenne mich daher schuldig, auch wenn ich darauf achte, Missstände zu erwähnen und authentisch von meinen Reisen, dem Outdoorsport und sonstigen Abenteuern zu berichten. Dennoch habe ich mir vorgenommen meine Reiseziele in Zukunft bewusster auszuwählen, mich nicht von der Masse leiten zu lassen und vermeintliche Geheimtipps nicht gleich im Internet zu streuen.

In Zukunft möchte ich mich außerdem noch mehr auf das Thema Nachhaltigkeit fokussieren, das beim Overtourism keine unbedeutende Rolle spielt. Im Outdoorbereich gibt es diesbezüglich noch eine Menge Nachholbedarf und zahlreiche Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. Dabei muss nicht nur die Industrie in die Verantwortung gezogen werden, sondern jeder einzelne von uns, der gerne in den Bergen unterwegs ist. Also packen wir´s an!

Abschließend würde mich noch interessieren, wie du zum Overtourism in den Bergen stehst. Welche Erfahrung hast du gemacht, welche Orte haben dich vielleicht sogar abgeschreckt und welche Maßnahmen sind deiner Meinung nach Erfolg versprechend, um den Overtourism einzudämmen? Ich freue mich auf den Austausch mit dir.

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