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Tartu zu Fuß entdecken: Von küssenden Studenten bis zum Kreativviertel

Tartu ist nicht nur die zweitgrößte Stadt Estlands, sondern zugleich die Heimat des Estnischen Nationalmuseums und der „Küssenden Studenten“. Was es damit auf sich hat und welche Sehenswürdigkeiten du dir bei einem Tagesausflug nach Tartu keinesfalls entgehen lassen solltest, erfährst du in diesem Beitrag.

Denke ich an Tartu und schließe dabei die Augen, kommen mir sofort die Studenten in den Sinn, die mit ihren alten Fahrrädern über das Kopfsteinpflaster der Altstadt fahren. Ein Bild, das sich fest bei mir eingebrannt hat und mich umgehend an klappernde Schutzbleche, schlecht geölte Ketten und vibrierende Fahrradklingeln denken lässt.

Zwar war ich nur für einen Tag in Tartu, jedoch reichte dieser voll und ganz aus, um die Hotspots der Studentenstadt in aller Ruhe zu Fuß zu erkunden. Dabei durften auch entspannende Pausen am Fluss Emajõgi und in der Altstadt nicht fehlen.

Tartu kurz und knapp vorgestellt

Mit ungefähr 93.000 Einwohnern ist die Studentenstadt Tartu die zweitgrößte Stadt Estlands. Sie liegt am Emajõgi, einem Fluss, der sich durch Tartu schlängelt und in dessen unmittelbarer Nähe ein Großteil der Highlights von Tartu angesiedelt ist.

Tartu wurde 1030 erstmals urkundlich erwähnt. Sie ist damit die älteste Stadt des gesamten Baltikums und war einst auch unter dem Namen Dorpat bekannt, der noch immer an einigen Stellen im Zentrum verwendet wird. So ist er zum Beispiel Namensgeber eines Hotels und eines Konferenzcenters.

Im Jahr 1775 musste Tartu ein besonders schlimmes Schicksal erleiden, als die gesamte Innenstadt durch ein verheerendes Feuer zerstört wurde. Ein Großteil der heutigen Gebäude stammt daher aus dem Ende des 18. sowie des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile ist von dem Unglück nichts mehr zu sehen, sodass Tartu längst wieder zu einer pulsierenden Studentenstadt aufgeblüht ist.

Übrigens: Die estnische Flagge, deren Ursprung ich bereits im Artikel Typisch Estland: 20 kuriose Fakten aus dem Baltikum erläutert habe, stammt von einer Studentenverbindung aus Tartu, nämlich dem „Verein Studierender Esten“. Die Universität, die 1632 gegründet wurde und in der lange Zeit Deutsch eine der Lehrsprachen war, ist auch heute noch eines der Wahrzeichen der Stadt.

Die Anreise von Tallinn nach Tartu

Sofern du nicht sowieso mit dem Auto oder gar mit dem Fahrrad durch das Baltikum fährst, bist du auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Von Tallinn aus gibt es zahlreiche Optionen, um mit dem Bus oder Zug nach Tartu zu gelangen.

Mit dem Expresszug Elron dauert eine Fahrt vom Hauptbahnhof in Tallinn nach Tartu gut zwei Stunden. Es gibt auch eine langsamere Variante, die mehr Zwischenstopps beinhaltet, allerdings nur eine halbe Stunde länger dauert. Tickets für beide Varianten bekommst du pro Einzelfahrt entweder für 10,20 Euro online oder für zwölf Euro am Schalter und direkt im Zug.

Mit dem Bus bist du mit zweieinhalb Stunden ähnlich lange unterwegs wie mit dem Elron. Auch die Preise sind mit zehn bis zwölf Euro nahezu identisch. Einziges Manko: Die Busstation von Tallinn befindet sich etwas weiter außerhalb als der Bahnhof. Dafür ist die Busstation in Tartu zentraler und der Bahnhof etwas weiter außerhalb.

Wie es sich für das digitalste Land Europas gehört, verfügen sowohl die Züge als auch die Busse über kostenloses Internet. Wie gut die Verbindung in den Bussen sind, kann ich nicht beurteilen, da ich mich für die Zugfahrt entschieden habe. Dort war das Internet ziemlich gut, was ich auch nicht anders erwartet hatte.

In Tartu angekommen, musst du nicht unbedingt auf den öffentlichen Nahverkehr zurückgreifen, da die besten Sehenswürdigkeiten wunderbar zu Fuß erreichbar sind. Willst du dir einen Fußmarsch zum Estnischen Nationalmuseum und dem umgedrehten Haus, die beide etwas weiter vom Zentrum entfernt liegen, ersparen, kostet dich eine Busfahrt 1,50 Euro. Holst du dir ein mobiles Ticket, werden 0,83 Euro fällig.

Die Sehenswürdigkeiten von Tartu zu Fuß entdecken

Da ich mich dazu entschieden hatte von Tallinn mit dem Zug anzureisen, war der Ausgangspunkt meiner Entdeckungstour der Bahnhof. Er liegt etwas außerhalb des Zentrums, bietet sich jedoch ideal für eine gute Rundtour an, die ungefähr neun Kilometer lang ist. Sneakers und Flip-Flops solltest du daher besser zu Hause lassen, um schmerzende Füße zu vermeiden.

Damit du einen Überblick bekommst, wie deine Tagestour aussehen könnte, habe ich dir meinen Rundgang bei Google Maps skizziert.

Auf längere Kaffeepausen in der Altstadt oder Museumsbesuche musst du keineswegs verzichten, um Tartu ohne allzu viel Stress zu entdecken. Für die folgenden neun Highlights habe ich beispielsweise acht Stunden benötigt, ohne allzu großen Zeitdruck verspürt zu haben.

1. Die Engels- und Teufelsbrücke

Auf dem Weg zum Domberg gibt es zwei kleine Brücken, die kurz hintereinander auftauchen und fast ein bisschen unscheinbar wirken. Dabei handelt es sich mit der Engelsbrücke und der Teufelsbrücke um die beiden ältesten Brücken Tartus.

Die Engelsbrücke wurde 1838 erbaut und ist einem ehemaligen Rektor der Universität gewidmet. Woher ihr Name Inglisild genau stammt ist nicht ganz klar. Viele gehen jedoch davon aus, dass der Ursprung in ihrem englischen Baustil liegt und sich davon der Name ableitete.

Die Teufelsbrücke, die etwas weniger glamourös wirkt, wurde 1913 zum 300. Jahrestag der Zarendynastie der Romanow fertiggestellt. Ihr Name steht in keiner Relation zum Teufel, sondern geht auf den ehemaligen Professor Zoege von Manteuffel zurück. Mit einem Engel-/Teufel-Spielchen haben beide Brücken daher rein gar nichts am Hut.

Lustig: Jedes Jahr im Frühling duellieren sich die Studenten der Universität Tartu im Wettsingen. Während die Studentinnen auf der Engelsbrücke alles geben, zeigen die Männer auf der Teufelsbrücke, was ihre Stimmen auf dem Kasten haben.

2. Der fast schon unscheinbare Pigorov Park

Unterhalb des Dombergs geht es von den beiden Brücken direkt in den Pigorov Park über. Ein absoluter Hotspot ist dieser nicht unbedingt, da seine Größe überschaubar ist und es nicht allzu viel zu bestaunen gibt. So musste ich bei meinem Tartu-Aufenthalt erst im Internet suchen, ob ich mich tatsächlich im Park befand, der nach dem Medizinwissenschaftler Nikolai Pirogov benannt wurde.

Bei den Einheimischen steht der Pirogov Park jedoch hoch im Kurs, da er ein beliebter Treffpunkt ist. Viele Tartuer versammeln sich um das Denkmal des Medizinwissenschaftlers, um den Feierabend oder die studienfreie Zeit einzuläuten. Das ein oder andere Kaltgetränk kommt dabei nicht zu kurz, schließlich ist der Park einer der wenigen öffentlichen Plätze in Tartu, wo Alkohol geduldet wird.

3. Küssende Studenten vor dem Rathaus

So wie Brüssel das Manneken Pis, Kopenhagen die Kleine Meerjungfrau und Tallinn das Metskits haben, verfügt auch Tartu über ein – der Studentenstadt entsprechendes – Highlight: Die Küssenden Studenten. Es handelt sich dabei um einen Brunnen, auf dem sich eine Skulptur mit zwei küssenden Studenten befindet.

Einer Legende nach sollen hier einst zwei verliebte Studenten durch die Altstadt gezogen sein. Als sie am Rathaus ankamen, begann es urplötzlich heftig zu regnen. Nachdem der Mann den Regenschirm öffnete, küssten sich beide. Im gleichen Moment wünschte sich der weibliche Part der Knutschenden, dass alles so bleiben möge. Der Wunsch wurde erfüllt, sodass das Paar von einem blauen Blitz getroffen wurde und zu Stein erstarrte.

Ob dies tatsächlich so geschehen ist, darf bezweifelt werden. Eine tolle Geschichte ist es dennoch, weshalb Frischverheiratete oftmals den Brunnen besuchen, um etwas vom Liebesglück der beiden Studenten abzuhaben.

Ein kleiner Romantik-Killer ist die Tatsache, dass die Skulptur 1998 vom Bildhauer Mati Karmin errichtet wurde. Neben den beiden Protagonisten befinden sich am Brunnen seit 2006 die einzelnen Partnerstädte von Tartu. Diese wurden in den Himmelsrichtungen ihres jeweiligen Standortes angebracht.

4. Die idyllische Altstadt

Die eben erwähnte Brunnenskulptur ist gewiss die beliebteste Sehenswürdigkeit der Altstadt von Tartu. Doch auch das sich über den breiten Rathausplatz auftürmende Rathaus hat seinen Reiz. Von dort aus reihen sich parallel die schönen, bunten Wohnhäuser sowie einige Cafés und Bierstuben bis zum Fluss Emajõgi hinunter.

In den Seitenstraßen des Rathausplatzes gibt es weitere Geschäfte und Restaurants, die teilweise sehr international ausgerichtet sind. Außerdem sind hier die Johanniskirche, das Estnische Sport- und Olympia-Museum, das Tartuer Spielzeugmuseum sowie das Uppsala Haus angesiedelt.

5. Entspannung am Emajõgi

Der Fluss Emajõgi ist so etwas wie die Hauptschlagader von Tartu. An ihn grenzen nicht nur die historische Altstadt, sondern auch das pulsierende und fast schon hektische Zentrum. Kaum verwunderlich, dass die Übersetzung ins Deutsche „Mutterfluss“ bedeutet, was einiges über den Stellenwert des insgesamt 260 Kilometer langen Gewässers aussagt.

Die Promenade entlang des Flusses bietet sich wunderbar zum Bummeln, Longboarden oder Fahrrad fahren an. Immer wieder tauchen witzige Bronzefiguren, geduldige Angler oder Essens- und Getränkestände auf. Zudem kannst du es dir entweder in den Schaukelbänken am Flussufer bequem machen oder im kleinen Park gegenüber der Altstadt, wo ich mich für ein paar Minuten zum Verschnaufen niederließ.

6. Das umgedrehte Haus

Das Tagurpidi Maja ist ein architektonisches Meisterwerk, denn das Holzhaus im estnischen Baustil steht auf dem Kopf. Es liegt nur einen Steinwurf vom Estnischen Nationalmuseum entfernt und verleitet den ein oder anderen Touristen dazu, den recht hohen Eintritt von 7,50 Euro zu zahlen.

Von außen kannst du es zwar sehr gut begutachten und tolle Fotos schießen, das Highlight ist jedoch der Innenbereich. Was normalerweise auf dem Boden steht, hängt hier in der Luft. Ein großer Spaß, bei dem lustige Schnappschüsse garantiert sind. Mir war der Spaß aber doch etwas zu teuer.

7. Das Estnische Nationalmuseum

Das Estnische Nationalmuseum ist eigentlich ein Muss für jeden Estland-Besucher. Hier erfährst du alles – wirklich alles – über die Geschichte der Esten.

Im Inneren des 2016 neu eröffneten Museums erwartet dich ein 6.000 Quadratmeter großes Labyrinth verschiedener Epochen. Interaktive Elemente an den einzelnen Stationen sorgen dafür, dass die Geschichte kurzweilig und ansprechend erzählt wird – dank eines digitalen Lesegerätes in vielen verschiedenen Sprachen.

Mir haben besonders die Reliquien aus den Zeiten der Besetzung und der Unabhängigkeit sowie ein Bereich über die knifflige, estnische Sprache gefallen. Aber auch die anderen Ausstellungen sind sehr interessant, sodass du im Estnischen Nationalmuseum gut und gerne einen ganzen Tag verbringen kannst. Da spielen auch die 14 Euro Eintritt kaum eine Rolle, denn die sind einen Besuch absolut wert.

8. Das Ahaa Science Center

Einen Euro weniger Eintritt kostet das Ahaa Science Center, das sich am Rande des Zentrums von Tartu unterhalb eines kaum zu übersehenden Wolkenkratzers befindet. Lernen mit Spaß wird im futuristischen Museum groß geschrieben, sodass dir technische und naturwissenschaftliche Phänomene durch eigene Anwendungsmöglichkeiten kinderleicht und schnell erklärt werden.

Eigentlich handelt es sich beim Ahaa Science Center vielmehr um einen Spielplatz als ein Museum. So hatte auch ich nicht nur im Illusionsraum mit zahlreichen Hologrammen und optischen Täuschungen meine Freude. Auch im Wasser-Areal oder beim Fahrradfahren auf einem ungefähr zehn Meter hohen Drahtseil kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus.

Etwas anstrengend wird es nur, wenn pubertierende Schulkinder ihr Unwesen im Technikmuseum Tartus treiben. Vielleicht hat mich der Trubel aber auch nur gestört, weil die Schüler die tollsten Stationen blockierten und ich nicht zum „Spielen“ kam oder der Überraschungsmoment der jeweiligen Station ausblieb.

Das einzige Manko ist, dass es die Erklärungen an den einzelnen Stationen nur auf Russisch, Englisch, Estnisch und Französisch gibt. Aber wie schon angedeutet, lernst du sowieso primär über das eigene Erforschen. Und genau das macht unheimlich viel Spaß – ganz egal, ob für Groß oder Klein.

9. Das Kreativviertel Aparaaditehas

Gar nicht so weit vom Bahnhof entfernt liegt das Kreativviertel Aparaaditehas, das mich sehr stark an Telliskivi in Tallinn erinnerte. Auch hier wurde eine alte, heruntergekommene Fabrik in ein beliebtes Szene- und Start-Up-Viertel umfunktioniert. Zwar ist es kleiner als sein Pendant in Tallinn, dafür versprüht das riesige Gebäude mit dem großen Innenhof über einen ganz besonderen Charme.

In der Apparatenfabrik (deutsche Übersetzung von Aparaaditehas) gibt es neben einem Ökoladen, Kunstgalerien, Handwerksgeschäften und einem Barber Shop auch einige schöne Cafés. Für Kreative, Digitale Nomaden und Neugierige ist das Viertel, das seit 2014 als Kreativ- und Kulturzentrum genutzt wird, unumgänglich. Unter anderem auch deshalb, weil hier regelmäßig Flohmärkte, Konzerte und diverse Partys stattfinden.

Tartu ist nicht nur etwas für Studenten

An einem Tag Tartu zu Fuß zu erkunden bedeutet leider auch auf einige Sehenswürdigkeiten und Attraktionen zu verzichten, denn davon hat Tartu viele. Zwar habe ich dir die besten Highlights der Studentenstadt genannt, jedoch gesellt sich hierzu noch das Estnische Sport- und Olympia-Museum, das Tartuer Spielzeugmuseum oder das Uppsala House.

Zudem musste ich auf Grund meines Tagesausflugs auf das Nachtleben in Tartu verzichten. Und das soll es in sich haben. Die Bars und die Anzahl der Studenten sind ein klares Indiz dafür, dass Tartu bei vielen als die Party-Hochburg Estlands gilt.

Bleibe doch einfach über Nacht, um einen noch tieferen Einblick vom Alltagsleben in Tartu zu bekommen. Dann könntest du mir zum Beispiel in den Kommentaren mitteilen, ob das Partyleben in Tartu wirklich so gut ist wie angedeutet. Das würde mich durchaus interessieren.

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