Als Expat in Mexiko: Interview mit Tourguide Annette Jall aus Aguascalientes

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Annette Jall ist eine gute Freundin von mir, die seit mehr als drei Jahren mit ihrem Mann in Aguascalientes lebt. Nachdem sie mir bei meinem Mexiko-Trip das beeindruckende Land in Nordamerika vorgestellt hat, sah ich mich gezwungen, den zertifizierten Tourguide im Nachhinein nochmals zu befragen. Viel Spaß mit einem überaus spannenden Interview über Mexiko!

Dass ich Annette in Mexiko besucht habe, kommt nicht von ungefähr. Waren wir während meines Sportmanagement-Studiums in Salzgitter Mitbewohner, so sind wir seitdem gute Freunde. Da lag es nahe, dass ich Annette, die vor mehr als drei Jahren mit ihrem Mann nach Aguascalientes auswanderte, einen Besuch in Mexiko abstattete.

Es folgte ein ziemlich starker Roadtrip über die Yucatan-Halbinsel sowie ein lustiger Trip nach Tequila, wo mir der zertifizierte Tourguide so einiges über Land und Leute beibrachte. Außerdem war sie es, die mich auf Grund fehlender Spanisch-Kenntnisse vor so einigen Fettnäpfchen bewahrte.

Was sie an Mexiko so fasziniert, wie es um die Sicherheit in Mexiko steht, welcher Tequila ihrer Meinung nach am besten schmeckt und vieles mehr, verrät sie dir im folgenden Interview in aller Ausführlichkeit.

11 Fragen an Tourguide Annette Jall aus Mexiko

1. Rucksackträger: Mit welchen drei Hashtags würdest du dich und das, was du tust, am ehesten beschreiben?

Annette: #guideforlife, #begeisterungwirkt, #happylife

2. Du lebst seit mehr als drei Jahren in Mexiko? Wie kam es dazu und wo genau in Mexiko bist du „zu Hause“?

Unsere aktuelle Wahlheimat ist Aguascalientes im „Corazón de México“ (= Herz von Mexiko) – sozusagen in der Mitte im Hochland von Mexiko. Mein Mann wurde als Expat einer deutschen Firma hierher entsandt und es ergab sich somit auch für mich die Chance ein neues Land und seine Kultur näher kennen zu lernen.

3. Welche drei Orte in Mexiko haben dich bisher am meisten beeindruckt?

Puh, das ist wirklich sehr schwer. In den letzten Jahren bin ich sehr viel durch das Land gereist und Mexiko ist einfach so unfassbar vielfältig. Aber nun gut, ich habe mal drei unterschiedliche Ziele ausgesucht:

Mexiko-Stadt: Eine gigantische Metropole mit einem unvergleichbaren Mix aus Antike, Tradition und Moderne. Beispielsweise befindet sich mitten auf dem Zócalo eine mesoamerikanische Ausgrabungsstätte. Du findest überall traditionelle Essensstände und moderne Wolkenkratzer, die das Stadtbild zieren.

Die Pazifikküste von Oaxaca: Eine lange Strandlinie mit kleinen tollen Strandörtchen. Besonders hervorzuheben ist das kleine Dörfchen Zipolite. Ein kleines Hippie-Örtchen, in dem eine unfassbar nette und tolerante Atmosphäre herrscht. Generell ist der ganze Bundesstaat Oaxaca einfach toll und reich an Kultur, Kunstwerken, Delikatessen und Naturerlebnissen.

Die spektakuläre Zugfahrt mit dem „El Chepe“ von Chihuahua nach Los Mochis. (oder umgekehrt): Eine sehr beeindruckende Zugstrecke über faszinierende Schluchten und schwindelerregende Brücken. Ein absoluter Höhepunkt dieser Zugfahrt ist der Stopp mit Übernachtung am Kupfercanyon („Barrancas del Cobre“). Ein Canyon, welcher viermal so groß ist, wie der Grand Canyon. Für mich ein absolutes „Wow“, vor allem morgens mit diesem Blick aufzuwachen.

4. Aguascalientes ist nicht der erste Anlaufpunkt für Mexiko-Reisende. Warum aber lohnt es sich, deiner neuen „Heimat“ Aguascalientes mal einen Besuch abzustatten? Gibt es ganz besondere Highlights?

Ja das stimmt! „Leider“ ist Aguascalientes nicht gerade ein Anlaufpunkt für den europäischen Tourismus, sondern mehr für den Inlands-Tourismus der Mexikaner. Doch genau darin besteht auch der Vorteil, da es nicht „über-touristisch“ ist, was definitiv seinen Reiz hat.

Unabhängig davon, dass ich hier lebe, kann ich es sehr empfehlen. Der Mexikaner an sich ist schon sehr freundlich, aber in Aguascalientes leben absolut die „buena gente“ – die nettesten Menschen in ganz Mexiko. Aguascalientes hat ein kleines, aber super schönes koloniales Zentrum. Es hat außerdem einiges an Geschichte und Architektur zu bieten. Des Weiteren eine tolle Umgebung, die vor allem während der Regenzeit wunderschön grün ist und wo sich der ein oder andere Wasserfall bildet.

Ein absolutes und bedeutendes Highlight von Aguascalientes ist jedoch die jedes Jahr wiederkehrende „Feria Nacional de San Marcos“. Es ist das größte Volksfest Mexikos, welches Ende April beziehungsweise Anfang Mai für drei Wochen stattfindet und rund acht Millionen Besucher anzieht. Das sollte jeder mal erlebt haben, denn feiern können die Mexikaner definitiv.

5. Die mexikanische Kultur ist mit unserer in Zentraleuropa nicht wirklich vergleichbar. Welche verrückte Eigenart haben die Mexikaner? Was verblüfft dich an ihnen immer wieder aufs Neue?

Haha, da gibt es eine ganze Menge. Besonders prägend (und immer wieder lustig) für mich ist, dass das Auftreten der Mexikaner stets im Großen „Pulk“ stattfindet. Nichts geht ohne die „ganze“ Familie beziehungsweise die komplette Verwandtschaft.

Dementsprechend ist das Auftreten meist recht laut. Obligatorisch kommt noch eine „krächzende“ Musikbox dazu, welche direkt neben dem Tisch aufgestellt wird und mit voller Lautstärke Banda- oder Ranchero-Musik von sich gibt. Essen darf natürlich auch nicht fehlen. Diese Mengen an Essenständen, etc. sind mir immer wieder ein Rätsel.

Besonders zum Staunen, vor allem auch im alltäglichen Leben ist die große Improvisationskunst dieses Volkes. Frei nach dem Motto: „Geht nicht – gibt’s nicht!“ Alles wird immer passend gemacht. Manchmal auch mit faszinierenden Kuriositäten, aber es funktioniert, einfach und ohne „bürokratischen“ Aufwand.

6. Kulinarisch hat Mexiko so einiges zu bieten. Gibt es eine besondere Spezialität, die dich immer wieder aufs Neue aus den Socken haut?

Ja, das Essen ist wirklich ein Traum. Persönlich finde ich, braucht man einige Zeit, um auch die Unterschiede von Tacos festzustellen, da anfangs alles ähnlich wirkt. Aber in der Tat ist jede Art von Taco ein eigenes, kulinarisches Highlight. Die Liste ist unendlich – von Quesadillas (Tacos mit Käse) über Tacos Pastor, Tlayudas bis hin zu Tacos mit Fisch, Shrimps und vieles mehr.

Für mich ist die „Mole“ (besondere Art von Soßen mit einigen Chilisorten und mehr als 30 Zutaten) ein absolutes Highlight. Sie schmeckt je nach Rezept, ob dunkel, rot, gelb, sowie nach Bundesstaat unterschiedlich. Das ist Mexiko pur.

Generell sind Salsas sehr wichtig in Mexiko und dürfen auf keinem Tisch fehlen. Diese machen das Essen pikant und du kannst dir deine persönliche Schärfe selbst aussuchen. Und natürlich darf die Guacamole nie fehlen. Hier kannst du deine Avocado-Sucht ohne schlechtes (Klima-) Gewissen so richtig auskosten.

7. Ein leidiges Thema, aber viele schreckt die Sicherheit in Mexiko ab. Ist das Reisen in Mexiko wirklich so gefährlich und was sollten Reisende unbedingt beachten?

Leider ist es so, dass in Deutschland überwiegend negative Schlagzeilen von Mexiko die Runde machen. Die Drogenbanden gibt es leider nicht nur in Netflix-Serien, sie sind auch traurige Realität. Daher landet das Land Mexiko bei vielen Menschen erst gar nicht auf der Reise-Prioliste.

Ich möchte es auch nicht komplett schönreden, denn natürlich gibt es Kriminalität in Mexiko und leider nicht wenig. Jedoch findet diese generell unter den Banden statt und abseits der normalen Pfade. Die gute Nachricht dabei ist, dass Touristen keine Zielscheibe sind und auf diese gut geachtet werden.

Der Tourismus ist eine sehr große Einnahmequelle und extrem wichtig für Mexiko. Dementsprechend wird hier für Sicherheit gesorgt.

Man muss keine Sorgen haben durch Mexiko zu reisen – auch nicht mit dem Mietwagen.

Eine Gefahr, die immer besteht, ist ausgeraubt zu werden, wie aber in jedem anderen Land der Welt auch. Daher beziehen sich die Sicherheitsmaßnahmen in der Regel auf den gesunden Menschenverstand und mit allgemein erhöhter Aufmerksamkeit auf die ausgesuchte Umgebung, um zu verhindern, eines der Opfer zu werden.

Ansonsten gilt:

  • Nachts nicht durch dunkle einsame Ecken laufen. Auch nicht mal eben kurz ums Eck.
  • Aufmerksam mit deinen Wertsachen sein und generell nicht auf das Handy schauend durch die Straßen irren.
  • Geld und Kreditkarten möglichst gut verteilen.
  • Beim Autofahren die volle Aufmerksamkeit auf die Straße lenken. Manchmal kreuzen Menschen die Straße oder es tauchen unverhofft Schlaglöcher auf.
  • Daher auch nach Einbruch der Dunkelheit kein Auto fahren.

Was die Familien betrifft, müssen auch diese sich keine Sorgen machen, mit ihren Kindern nach Mexiko zu reisen. Ich glaube es gibt kaum ein kinderfreundlicheres Land als Mexiko.

8. Gibt es etwas, dass dir an Mexiko nicht gefällt oder von dem du vielleicht sogar enttäuscht bist?

Ja, das gibt es natürlich auch, denn nirgendwo gibt es nur Sonnenschein. Zum Beispiel ist die Schere zwischen Arm und Reich leider sehr groß und das stimmt einen oft sehr traurig. Enttäuscht bin ich manchmal auch von der oberflächlichen Verbindlichkeit, dass besprochene Zusagen nicht eingehalten werden.

9. Das Thema Nachhaltigkeit ist dir sehr wichtig. Wie sind die Mexikaner in Sachen Nachhaltigkeit aufgestellt?

Als ich vor drei Jahren in Mexiko angekommen bin, war in Mexiko leider gar nichts von Umweltschutz zu sehen. Unzählige (sinnlose) Plastik-Verpackungen und -Tüten. Mülltrennung war damals ein Fremdwort. Ich wurde auch ziemlich erstaunt angeschaut, als ich mit meiner eigenen Tragetasche in den Supermarkt zum Einkaufen ging.

Aber es freut mich sehr, dass auch hier in letzter Zeit zunehmend die Aufmerksamkeit zum Thema Umweltschutz steigt und man einen Wandel definitiv wahrnimmt. Überrascht bin ich, dass viele Sachen hier schneller umgesetzt werden als teilweise sogar in Deutschland.

Auch in Mexiko werden nun schon zum Teil Plastiktüten und Trinkhalme abgeschafft und es gibt vermehrt Umwelt-Aktionen sowie die Möglichkeit zum unverpackten Einkauf.

10. Ostküste oder Westküste – was ist dein Favorit?

Sehr schwierig, aber ja, ich bin irgendwie absoluter Pazifik-, also Westküsten-Fan. Vermutlich deswegen, weil ich dort öfters hinkomme und ich (auch als Nicht-Surferin) Wellen toll finde. Des Weiteren gefällt mir der Tourismus dort mehr, da es wirklich noch Schätze mit einsamen Stränden zu entdecken gibt.

Zudem ist beispielsweise der Bundesstaat Oaxaca, wie bereits oben erwähnt, kulturell und kulinarisch ein Traum. Dort mangelt es auch nicht an archäologischen Stätten.

Die Ostküste beziehungsweise die Karibik hat aber natürlich auch ihren absoluten Reiz und von allem richtig viel zu bieten. Das Meer ist dort in seinen Blautönen natürlich absolut unschlagbar.

11. Tequila oder Mezcal – und welche Sorte ist dein Favorit?

Ganz klar Tequila. Kaum zu glauben, aber ich bin zu einem absoluten Tequila-Fan geworden und es gibt unzählige gute Sorten hier. Mein persönlicher Favorit ist der Herradura Ultra, ein Tequila des Typs „Añejo Cristalino“.

Dieser wird über ein Jahr im Fass gelagert und anschließend wieder klar gefiltert – sehr weich im Geschmack. Aber am besten selbst mal alle ausprobieren und den eigenen Favoriten rausfinden.

12. Wo finden meine Leser noch mehr Infos über dich? Oder gibt es etwas, das du zum Abschluss unbedingt loswerden willst?

Natürlich direkt bei mir. Bereits in Stuttgart war meine Passion, als Stadtführerin den Gästen die Stadt zu zeigen und Wissenswertes zu vermitteln. Daher freue mich sehr, dies auch hier in Aguascalientes nun bereits schon seit zwei Jahren ausüben zu können. Es macht mir große Freude deutschen Besuchern die Stadt zu zeigen sowie spannendes über Land, Kultur und Geschichte zu erzählen.

annette-jallDeshalb habe ich die letzten Monate Kurse zum staatlich zertifizierten Tourguide für das gesamte Mexiko besucht, um ab 2020 Touristen auf ihren Rundreisen durchs Land zu begleiten. Solltest du als Leser Fragen an mich über Mexiko haben, eine Beratung/Infos benötigen oder sogar Interesse an einer Führung haben, dann kontaktiere mich am besten einfach per E-Mail: Annette@halloguide.com. Oder folge mir auf Instagram unter halloguide.annette, wo ich regelmäßig über Mexiko poste.

Als Schlusswort bleibt mir nur zu sagen: Als ich nach Mexiko kam, hatte ich wirklich keine Ahnung was mich erwartet, und ich kann nur sagen, dass dieses Land auch nach drei Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert. Diese vielfältige Kultur, die spannende Geschichte, diese herzlichen Menschen, das tolle Essen und eine unglaubliche Vielfalt an Flora und Fauna – einfach traumhaft.

Daher lass es dir nicht entgehen, komme nach Mexiko und überzeuge dich selbst davon. In diesem Sinne: ¡Hasta luego, nos vemos en México! (Bis bald, wir sehen uns in Mexiko).

„Mexiko-Reisende sind Wiederholungstäter“

Dass Mexiko-Reisende Wiederholungstäter sind, hat mir Annette bereits vor meiner fünfwöchigen Tour durch das faszinierende Land prophezeit. Ich gebe zu, dass ich den Satz mit einem leichten Schmunzeln zur Kenntnis nahm, mittlerweile aber bestätigen kann, dass daran etwas dran ist.

Mexiko hat mich doch sehr gefesselt. Daher denke ich nicht nur über ein Comeback nach, um endlich auch die Westküste kennen zu lernen. Mittlerweile habe ich mich sogar für ein Spanisch-Fernstudium angemeldet, um dem Spanischen (zumindest teilweise) mächtig zu werden – in Mexiko nicht ganz unwichtig.

Sollte es mich wieder nach Mexiko verschlagen, werde ich gewiss ein weiteres Mal auf die Tipps von Annette zurückgreifen. In den zwei Wochen, in denen ich mit ihr unterwegs war, hat sie mir schließlich so einiges über Land und Leute gelehrt. Ein paar der Infos habe ich in meinem Beitrag mit 41 Fakten über Mexiko zusammengefasst.

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