Wohnzimmer statt Nepal – über Luxusprobleme in einer verrückten Zeit

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Verrückt trifft es ganz gut, wenn ich auf die vergangenen zwei Jahre zurückblicke. Saß ich Ende Januar 2020 noch in einem Café im thailändischen Chiang Mai, um meine vier Jahre als digitaler Nomade Revue passieren zu lassen, so war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass ich wenige Tage später endlich wieder eine eigene Wohnung beziehen würde. Die Sesshaftigkeit war nach unzähligen Reisen mit Handgepäck mein großes Ziel geworden. Doch so sehr ich nach gewöhnlichen Strukturen lechzte, so ungewöhnlich wurde das Nachhausekommen – und das hatte einen Grund.

Kurz vor meinem Rückflug begrüßte ich am Flughafen in Bangkok noch einen alten Surf-Buddy, der gerade aus Deutschland kam und sich wunderte, warum ich keine Maske trug. Ende Januar trug jeder, der aus dem Flieger aus Frankfurt stieg, eine Maske – wer jedoch von Bangkok nach Frankfurt reisen wollte, nicht. Corona machte sich so langsam in der Welt breit und ich als endorphingesteuerter Reisender hatte das Virus zu diesem Zeitpunkt noch nicht für Ernst genommen.

Ganz im Gegenteil, denn zu Hause angekommen begab ich mich einige Tage später umgehend nach Tirol zum Skifahren und verkleidete mich im Anschluss mitten in der Faschingszeit gar mit einem Freund als Corona-Arzt. Heute würde ich eine solche Verkleidung als geschmacklos empfinden, am Rosenmontag Ende Februar 2020 sorgten Arztkittel, OP-Hose und das mexikanische Kaltgetränk namens Corona noch für Erheiterung.

Mitte März war dann endgültig Schluss mit lustig. Die Pandemie hatte von da an Deutschland fest im Griff – bis heute.

Begrenzt auf das Wohnzimmer statt grenzenlose Freiheit in Nepal

Warum ich Anfang 2020 nach einer Wohnung lechzte war nicht der aufkommenden Pandemie geschuldet, sondern, dass ich nach vier Jahren als Digitaler Nomade endlich ankommen wollte. Ich wollte heimisch werden, Gammelsonntage auf dem eigenen Sofa verbringen, Gastgeber anstatt Gast sein, ambitionierte sportliche Ziele verfolgen und das Reisen wieder mehr schätzen.

Heute kann ich getrost behaupten, dass meine damaligen Ziele größtenteils erreicht wurden. Gammelsonntage hatte ich eine Menge, sportlich ging es strukturierter denn je zur Sache, Freunde kamen auf ein Bier vorbei und machten es sich bei mir bequem und auch die unbändige Lust auf Reisen zu gehen, die zuvor zunehmend nachgelassen hatte, ist längst zurück.

Klingt doch eigentlich gar nicht so schlecht, wären da nicht diverse Einschränkungen durch ein gewisses Virus gewesen. Der gebuchte Flug nach Nepal mit dem Ziel die Annapurna-Runde entlang zu wandern musste beispielsweise verschoben werden. Erstmals seit langer Zeit hatte ich geplant, ganz ohne Laptop zu reisen und wieder die Natur zu spüren. Ein lange gehegter Traum, der wie aus dem Nichts zerplatzte. Gleiches traf auf den Alternativ-Trip nach Kalifornien zu, der gebucht wurde, um kurz darauf storniert zu werden. Ich war nicht nur sesshaft geworden, ich saß nun auch fest.

Versteh mich nicht falsch. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mich glücklich schätzen kann, dass meine Familie und Freunde bisher nicht oder kaum von Corona betroffen waren – und das ist das einzige, was in dieser verrückten Zeit wirklich zählt. Ein bisschen Dampf ablassen muss ich trotzdem, denn dieser Blogbeitrag ist auch eine Art von Verarbeitung für mich.

Sportlich absolvierte ich Unmengen an Trailruns vor der Haustür und drehte meine Rennradrunden durch die Rhön. Die Form stieg stetig an und die Motivation an Sportevents teilzunehmen hätte größer kaum sein können – wäre da nicht dieses C-Wort gewesen.

Der Triathlonsport zum Beispiel ist mittlerweile eine große Passion von mir geworden. Doch anstatt in Würzburg, Hannover oder auch Frankfurt an den Start zu gehen und langsam die Distanzen zu steigern, hagelte es reihenweise Absagen. Einige Veranstaltungen wurden sogar bis ins kommende Jahr verschoben.

Auch bei Netzwerk-Events wie der OutDoor by ISPO, die prädestiniert für den Austausch mit anderen Outdoorbloggern und bekannten Marken über ihre Innovationen ist, blieben die Messetore verschlossen. Kleinere Veranstaltung wurden gar nicht erst geplant, sodass sich die Kommunikation auf Videokonferenzen, Chats und Nachrichten beschränkte. Meine Motivation, den Rucksackträger aufs nächste Level zu heben, hat darunter doch etwas gelitten.

Das Beste aus allem machen (hat geklappt)

Da es nicht in meiner Natur liegt, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern mit einem Lächeln durch die Welt zu laufen, versuchte ich stets das Beste aus der jeweiligen Situation rauszuholen. Aufgrund diverser Einschränkungen war dies jedoch durchaus eine Herausforderung.

Fernreisen waren gar nicht erst möglich beziehungsweise finde ich es fast schon respektlos in einen Flieger zu steigen, während die Welt verrückt spielt. Wie bereits erwähnt, musste das große Ziel Nepal gecancelt werden. Das letzte Mal, als ich auf einem Surfbrett stand, war in Peniche im Sommer 2019. Das ist mittlerweile mehr als zwei Jahre her und zugleich die längste Pause seitdem ich 2010 in Südafrika mit dem Surfen angefangen habe.

Wie du merkst, motze ich gerade auf einem sehr hohen Niveau. Völlig unberechtigt, denn während der Corona-Pandemie gab es auch einige Zeitfenster, in denen Reisen und Abenteuer nahezu uneingeschränkt möglich waren und ich das Leben in vollen Zügen genießen durfte. So bestieg ich unter anderem den Säuling an der deutsch-österreichischen Grenze, kletterte in einer Seilschaft auf den höchsten Gipfel der Hohen Tatra und  sammelte auf dem Gletscher in Sölden fleißig Pistenkilometer beim Skifahren.

Auch meine Heimat, die Rhön, entdeckte ich völlig neu, da ich ihr seit dem Ausbruch der Pandemie mehr Aufmerksamkeit denn je schenkte. Ich bin erstaunt, wieviel sie zu bieten hat und wie wenig ich bisher von ihr kannte. Mit Freunden aus meinem Sportmanagement-Studium genoss ich eine anspruchsvolle Bikepacking-Tour durch die Rhön im Sommer, während ich im Winter primär die Langlaufski anschnallte und die Schwarzen Berge sowie das Rote Moor unsicher machte.

Einfach traumhaft! Nicht nur, weil ich meinen ehemaligen Kommilitonen voller Stolz meine beeindruckende Heimat zeigen durfte, sondern auch, weil ich bei den zahlreichen eigenen Touren so viele unfassbar schöne Momente erlebte. An dem Spruch “Zu Hause ist es doch am schönsten” scheint etwas Wahres dran zu sein.

Aus sportlicher Sicht wurden zwar einige Events abgesagt, jedoch kam ich seit Beginn der Pandemie immerhin auf drei Triathlons, zwei Charity-Läufe, einen Trailrun und meinen zweiten Megamarsch über 100 Kilometer. Hinzu kommt, dass ich auch als Passivsportler aktiv war, denn Anfang 2020 gründete ich mit Freunden den Sportverein SD 2020 Bad Brückenau e. V., aus dem der Dreggiche 1000er entstanden ist. Diesen Herbst setzten wir den Trailrun, bei dem es 912 Meter Länge und 140 Höhenmeter mit einer Steigung von 22 Prozent zu bewältigen gibt, erstmals um.

Spontan fallen mir noch zwei Dinge ein, an denen ich seit meiner Sesshaftigkeit und aufgrund der teilweise doch recht harten Beschränkungen ebenfalls großen Gefallen gefunden habe: Ich bin mittlerweile begeisterter Hobby-Balkongärtner, der noch viel dazulernen muss. Zudem habe ich mein erstes gedrucktes Buch veröffentlicht. Wahrscheinlich, weil ich immer versucht habe, das Beste aus jeder noch so tristen Situation zu machen – und genau das schaffst du auch, denn Trübsal blasen bringt dich nicht weiter.

Setze dir Ziele und schaue nach vorne

Meine Sesshaftigkeit bereue ich nicht. Ich bin gerne zu Hause, in meinem Zuhause, habe Freunde und Familie um mich herum und bewege mich in vertrautem Gelände. Ein Luxus, den viele während dieser Pandemie nicht genießen können. Vielleicht zählst auch du dich dazu, weil dir die aktuelle Zeit zu sehr zu Kopf gestiegen ist, du negative Erfahrungen mit dem grässlichen Virus sammeln musstest oder du einfach nicht so recht weißt, was die Zukunft bringt. Aber wer weiß das schon?

Ich kann dich nur dazu ermutigen nach vorne zu blicken oder die vergangenen beiden Jahre aufzuarbeiten. War wirklich alles so schlecht und deprimierend? Oder gab es nicht doch weitaus mehr positive Aspekte, die du dieser verrückten Zeit abgewinnen kannst? Was sind deine Ziele für das kommende Jahr, die dich ins Handeln bringen? Auf was freust du dich?

Mir lag es jedenfalls am Herzen diesen Artikel zu schreiben und auf die bisherige Pandemie-Zeit zurückzublicken. Meine Erkenntnis: Ich bin überrascht, wie viele tolle Momente es doch tatsächlich gab, auch wenn ich hoffe, dass wir das Virus bald in den Griff bekommen und wieder mehr Freiheiten genießen dürfen. Bis dahin ist Geduld gefragt und die kleinen Dinge schätzen zu wissen – und davon gibt es zum Glück eine ganze Menge. Nepal kann warten.

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